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Eintrag vom 8. August 2016

Was macht den Terrorismus stark? Die Angst, die er verbreitet. Streng genommen ist der Tod von ein paar hundert Menschen kein Grund, sich Sorgen zu machen, weder für sich selbst noch für unser Gesellschaftssystem. Wer jetzt denkt, dass ich vollkommen austickt bin sollte einen Moment darüber nachdenken, wieviele Menschen tagtäglich Opfer von Verkehrsunfällen, Krankheiten oder "normaler" Gewalteinwirkung Dritter werden - das alles übertrifft die Wahrscheinlichkeit, durch einen terroristischen Anschlag zu Tode zu kommen, um ein hundert- bis tausendfaches. Und das alles wird von uns stillschweigend akzeptiert. Kein Verkehrsminister fordert in Deutschland die Einführung eines Tempolimits, kein Gesundheitsminister das Verbot des Alkoholkonsums... was bleibt mir denn anderes als anzunehmen, dass es also auf ein paar hunderttausend Tote pro Jahr in der Bundesrepublik nicht ankommt? Und da wir uns jeden Tag erneut hinters Steuer setzen oder uns Abends ein paar Glas Bier, Wein oder Schnaps genehmigen scheinen wir uns mit dem Risiko, das sich daraus ergibt, ja ziemlich gut arrangiert zu haben.
Warum haben wir also eine geradezu irrationale Angst vor jemandem, der einen Bart trägt, einen dunkleren Hautton besitzt und mit einem Rucksack auf der Schulter neben uns an einer vielfrequentierten Bushaltestelle wartet?

Angst hat sehr viel mit Wahrnehmung zu tun. Wenn wir uns darüber entsetzt äußern, wie oft heutzutage Kinder gequält oder vergewaltigt werden, dann vergessen wir dass es früher mitnichten besser war. Vor fünfzig, sechzig Jahren hatte dieses Thema nur keinen so großen Stellenwert in der Gesellschaft. Es war egal, der böse Russe war nach vor dem Dritten Weltkrieg wichtiger als dass sich Priester im Internat an ihren Schützlingen vergehen oder Väter zudringlich zu ihren Töchtern werden.
Heute wird zwar wieder davon geredet, aber selbst ein Vladimir Putin wäre nicht so verrückt, dass er seine Panzer Richtung Westen schicken würde. Wir brauchen also andere Themen, über die wir uns aufregen, vor denen wir uns gruseln, auf die wir schimpfen können. Weder Homosexualität noch Heavy Metal haben zum Untergang der westlichen Zivilisation geführt. Aus diesem Grund kann der Terrorismus wieder die Schlagzeilen beherrschen und nach den 1970er-Jahren bei uns ein Revival erleben.
Und so bekommen wir die Bilder und Meldungen, nach denen es uns gelüstet, denn die Medien und Zeitungsverlage sind in einer kapitalistisch geprägten Gesellschaft ein kommerzielles Geschäft geworden. Die eigendliche Aufgabe, das vierte Standbein einer Demokratie zu sein, zählt da genauso wenig wie die Ethik der Presse, erstmal abzuwarten, Informationen zu prüfen und erst dann zu veröffentlichen. Wer das tut, der hat verloren, weil die Konkurrenz mit der nächsten , völlig frei erfundenen Schlagzeile schneller gewesen ist. Und das ist rechtlich nicht zu beanstanden, solange man ein Fragezeichen an den Schluss des Satzes gesetzt hat.

Die Zurückhaltung, die ich hier anmahne, wäre dringend notwendig. Bilder vom Tatort, am besten als Liveübertragung, haben nichts mit seriöser Berichterstattung zu tun. Es würde mich nicht wundern wenn manche Sender bereits Anfragen an die Landesinnenminister gerichtet hätten, um Zugriff auf die Bodycams der Einsatzkommandos zu erhalten.
Umgekehrt dürfen wir aber eines nicht vergessen - die Fernsehsender, Radiostationen und Zeitungsverlage bedienen nur eine Nachfrage. Solange wir es so haben wollen, solange werden solche Bemühungen unternommen. Wir hätten es also selber in der Hand, solche Auswüchse zu verhindern, wenn wir in unserem eigenen Konsum und Umgang mit den Medien ein wenig anspruchsvoller und (selbst-)kritischer wären.
Solche Bemühungen müssen aber von uns selber ausgehen. Das ist nichts, was von "oben" aus verordnet werden kann. Wenn ein Justizminister also (wieder einmal) eine Kontrolle in sozialen Medien oder (verhalten) Zurückhaltung von der Presse einfordert, dann ist das in keinster Weise zielführend. Eine (Selbst-)Zensur von Informationen ist nicht nur kontraproduktiv, sondern widerspricht auch den Prinzipien einer Demokratie.

Das Problem liegt nicht in der Sprache - die ist nur ein Transportmittel. Das Problem besteht in den Köpfen der Menschen, die zu Hass und Gewalt aufrufen, gegen Andersgläubige oder Ausländer hetzen, die andere Kulturen und Religionen beschimpfen und anhand unpassender, subjektiver Vorurteile Unterschiede und Grenzen zwischen Menschen ziehen.
Wir reden hier von globalen gesellschaftlichen Problemen, die auch in unserer heutigen Zeil immer noch eifrig kultiviert werden. Weil man sich darüber Macht und Einfluss sichern, Menschen manipulieren, Kriege führen und Ausbeutung und Unterdrückung rechtfertigen kann. Und diese Probleme existieren nicht nur in islamisch geprägten Ländern, nicht nur am Hindukusch, in Bagdad oder Istanbul. Diese Probleme existieren ebenso in Washington, Paris oder Berlin. Und zwar auf allen Ebenen.

Derzeit überschlagen sich die Politiker wieder mit Vorschlägen, dem Terrorismus Herr zu werden: eine Abschiebung verdächtiger Flüchtlinge in Bürgerkriegsländer steht derzeit wieder hoch im Kurs, natürlich mehr Überwachung und ein Abbau der BBürgerrechte, Nachrichtensperren Selbstbeschränkungen der Presse... das übliche halt. Und wohin das führt, können wir uns gerade in Ländern ansehen, die diesen Kurs konsequent verfolgen.

Die richtige Lösung wäre: wir beginnen damit, unser Hirn einzuschalten. Uns statt auf Vermutung auf Fakten zu beziehen. Informationen zu prüfen anstatt sie einfach zu konsumieren. Bei uns selbst anzufangen, wenn wir etwas verändern wollen.

Frau Merkel wird für Ihre Aussage, dass wir es schaffen können, derzeit wieder so heftig kritisiert wie nie zuvor. Dabei ist das der einzig wahre Satz von ihr, an den ich mich seit ihrem Amtsantritt erinnern kann. Es wäre durchaus möglich, Millionen von Flüchtlingen in unserem Land zu integrieren.
Der Grund für unsere Probleme ist: wir wollen das im Grunde doch gar nicht!
 
Wir wollen dass alles beim alten bleibt. Wir sehnen uns nach der Zeit geschlossener Grenzen zurück, nach dem Wirtschaftswunder, nach "Zucht und Ordnung - kurz: nach der guten alten Zeit.

Das diese alte Zeit mitnichten so gut war, wie wir sie uns nostalgisch verklären, das verdrängen wir lieber. Genauso wie die Tatsache, dass diese Zeit eben vorbei ist, dass wir heute eben vor ganz anderen Herausforderungen stehen als vor fünfzig Jahren und das heute ganz andere Bedingungen herrschen. Und das wir uns eben diesen Herausforderungen stellen müssen, um sie bewältigen zu können.
 
Davor... genau davor haben wir im Grund genommen Angst!
Und diese Angst, die ist unser wirkliches Problem, von der wir als erstes lösen müssen.

"Wollen ist schon das halbe Können."

Manfred Hinrich